Seit einiger Zeit bin ich, zumindest aus Sicht meiner Offline-Bekannten, etwas unsichtbar. Und auch Online-Freunde haben eventuell einen Rückzug bemerkt. Das liegt nicht etwa daran, dass ich diese nicht mehr mag, sondern dass ich meine Zeit seit ein paar Wochen auf der psychosomatischen Station eines Krankenhauses verbringe.
Der Grund ist der gleiche wie bei den meisten meiner Mitpatienten: Wir sind alle mehr oder weniger gefühlt plötzlich an einem Punkt angekommen, bei dem ein „weiter so“ schlicht nicht mehr ging. Für mich war dieser Punkt erreicht, als ich das zweite Mal den Wagen dringend rechts ranfahren und anhalten musste, weil alles andere eine akute Verkehrsgefährdung bedeutet hätte. Es ging eben nicht mehr, der schwarze Hund namens Depression hatte mich eingeholt.
Und nun verbringe ich den Tag mit Bewegungs- und Gruppentherapie, habe Einzelsitzungen mit Therapeuten, ein regelmäßiges Sportprogramm und einen Tagesablauf den man am besten mit “geregelt, aber Raum für eigene Gedanken” bezeichnet. Das Handy liegt die meiste Zeit abgeschaltet im Schrank, und auch an die Computer gehe ich nur gelegentlich. Der Gedanke an die Lieben, die ich nun nur noch kurz am Wochenende sehe, schmerzt natürlich, ich habe permanent ein schlechtes Gewissen darüber.
Aber die so erzwungene Auszeit zeigt Wirkung: Stückweise verstehe ich, welche Mechanismen mich steuern, und woher diese stammen könnten. Ganz langsam erkenne ich, wo ich ansetzen muss. In der Rückschau auf mein Leben wird mir klar, dass die Situation hier und heute das Ergebnis einer ziemlich langen Entwicklung ist, und mich nicht so plötzlich überfallen hat, wie ich es vielleicht noch vor einer Weile dachte.
Im Ergebnis geht es mir heute gut. Sogar ganz ohne Medikamente. Noch nicht richtig gut, aber viel besser. Ich habe wohl auch Glück und eine vergleichsweise milde Form, in meiner Akte steht etwas von “mittelschwer”. Aber es ist eben eine, die mich eingeholt hat. Momentan habe ich noch kein Werkzeug, um mich vor einem neuen Anfall zu schützen, aber es ist deutlich besser. Gut genug, um mir die Welt immer wieder mal in Häppchen live und in Farbe anzusehen. Und wenn es so weitergeht wie die letzten Wochen, sehe ich auch keinen Grund, warum es mir nicht in absehbarer Zeit wieder dauerhaft richtig gut gehen sollte.
PS: Wie wahrscheinlich so viele vor mir, habe ich lange mit mir gerungen. “Ich bin doch selbst schuld.” oder “ich will doch nur Aufmerksamkeit.” waren die Dinge, die ich mir selbst vorwarf. Aber Depression, ihr Bruder “Burn Out”, die fiese Schwester “Angstzustände”, der alte Onkel Alkoholismus, ja diese ganze gemeine Familie von Dingen, die einem das Leben zur Hölle machen können, sind keine persönlichen Schwächen, sondern ernsthafte Krankheiten. Nicht immer sofort lebensbedrohlich ernst, aber ernst genug, dass es einen ausgezeichneten Erklärbär-Comics-Tumblr darüber gibt. Wenn Ihr Euch also selbst schlecht fühlt, wenn es Probleme gibt, dann sprecht mit Anderen darüber! Meistens ist man einfach nur schlecht drauf, und all das gibt sich wieder. Aber manchmal ist es eben doch mehr, und dann braucht man Hilfe. Habt keine Angst danach zu fragen.
I also write about roleplaying games in english und auf Deutsch!